Henley 2004 – Ein Ratzeburger bei den Wurzeln des Rudersports

Dass die Ratzeburger Ruderer für ihr Studium oft aus der Inselstadt weggehen müssen, ist einerseits schade, andererseits bleibt als oftmals vertraute Erinnerung immer noch der Rudersport und gleichzeitig die Möglichkeit den berühmten Ratzeburger Ruderstil auch im In- und Ausland publik zu machen. So auch der 22jährige RRC-Skuller Florian Mennigen aus Mustin, der seit knapp zwei Jahren in Boston (USA) auf seinen Bachelor in Psychologie hinarbeitet. Über seine Ruder-Erfolge bei der U23-WM im Nationaldoppelvierer hat der ehemalige LG-Schüler ein Stipendium der Universität bekommen und startet seit dem für die Boston Universitys MenŽs Crew. Um im Achter mit dabei zu sein hat der 1,93m große Mustiner sogar die Disziplin vom Skullen aufs Riemenrudern verlegt und sitzt seitdem im prestigereichen Achter auf der Schlagübernahmeposition direkt hinter dem Schlag- und Steuermann.
Und mit diesem Boston-Achter startete Mennigen jetzt bei der legendären Henley Royal Regatta in der Nähe von London. Bei dieser ältesten Ruderregatta der Welt,die auch als die Wurzel des Rudersports gilt, befindet man sich in einer anderen Welt. Wie beim Tennis in Wimbledon oder dem berühmten Pferderennen in Ascot trifft sich die High Society Groß-Britanniens mit reichlich Etikette und verhält sich auch äußerst britisch. Die bis zu 50.000 Zuschauer tragen feinen Anzug (Herren) und Kleid mit großem Hut (Damen) und nicht selten serviert zudem der eigene Butler das typische Picknick an der baumgesäumten Rennstrecke aus dem Bentley heraus. „Hier zu starten ist eine völlig neue Erfahrung, die jeder Ruderer einmal gemacht haben sollte. Wer alle Regattastrecken der Welt kennt, wird hier noch einmal überrascht sein, so faszinierend ist diese altehrwürdige Regattabahn mit dieser einmaligen Atmosphäre“ schwärmt Florian Mennigen in Erinnerung an Royal Henley.
Mit 2200 Metern etwas länger als die üblichen olympischen 2000 Meter werden die Rennen im KO-System auf der idyllischen Naturstrecke schon seit Wochenanfang ausgefahren. Und selbst die hart gesottensten Ruderer der Welt brauchen einen langen Atem, wenn sie sechs Tage in Folge jeden Tag ein solch kräftezehrendes Rennen durchstehen müssen. Dafür hat Florian mit seiner Achtercrew jedoch 10-12 Mal in der Woche im Semester trainiert, um den Belastungen zumindest physisch gewachsen zu sein. Da Sonntags jedoch wegen des Lernens offiziell Trainingsverbot herrscht, kann man sich leicht ausrechnen, dass die Boston MenŽs Crew zwei bis dreimal am Tag ins Boot steigt, also im Prinzip genauso oft trainiert wie der Deutschland-Achter. Um sich an den Jet-lag und die Zeitumstellung zu gewöhnen waren die Männer von der Ostküste bereits zwei Wochen vorher in Henley, um sich schon einmal richtig mit der Strecke vertraut zu machen. Der Aufwand hat sich aber dann doch richtig gelohnt, da sich der Mennigen-Achter bis zum Halbfinale unglaublich stark verkauft hat in den Rennen um den Ladies Challenge Plate. Dort allerdings hatten die US-Boys plus Ratzeburger Mennigen dann den renommierten Leander Rowing Club als direkten Gegner. Und der Achter vom berühmtesten englischen Ruderverein mit den rosé-farbenen Ruderblättern, indem unzählige Weltmeister und Olympiasieger vertreten sind spielte seine gesamte Heimstärke vor den frenetischen Ruderfans aus. Obwohl sich Boston University bis zur Streckenhälfte bei unsympathischem Gegenwind in Führung sah, konterte Leander mit einem Zehnerspurt nach dem anderen bis sie eine 2/3-Bootslänge Vorsprung hatten. Diese retteten die Briten auf ihrer Hausstrecke dann auch bis ins Ziel. Später triumphierte Leander im Finale über die Harvard-Crew und wurde nicht unerwartet von einem Mitglied der königlichen Familie zum Sieger geehrt. Nicht selten ist auch die Queen selbst vor Ort und nimmt die königlichen Ruderrennen persönlich in Augenschein.
„Ein Wahnsinnserlebnis hier dabei gewesen zu sein. Auf den letzten Metern bekommt man durch die Lautstärke im Zielbereich und die vielen ruderbegeisterten Fans eine Gänsehaut, die einem durch Mark und Bein geht. Sicherlich sind Regatten in Deutschland auch ganz schön, aber dass hier ist eine ganz andere Dimension, die man sich eigentlich nicht vorstellen kann und einmal selbst erlebt haben muss“, versucht Mennigen das Erlebte in Worte zu fassen. Selbst der Deutsche Einer-Meister Marcel Hacker schwänzte die Deutschen Rudermeisterschaften in Berlin, um sich in Henley den Titel der Diamond Skulls zu sichern. Florian Mennigen hingegen wird noch mindestens vier weitere Semester Psychologie mit Nebenfach BWL in Boston studieren, bevor wieder nach Deutschland zurückkehrt, um seinen Master zu machen. Die wenige restliche Zeit außer Rudern und Uni verbringt der 22jährige Athlet entweder am Schreibtisch für die Uni oder am Telefon, um mit seiner Freundin zu telefonieren. Denn so ganz nebenbei muss auch noch ein wenig Raum für die Liebe sein. Seine Freundin studiert ebenfalls BusinessManagment (BWL), allerdings im nicht ganz um die Ecke liegenden London. So kann Globetrotter Mennigen sie nur über Thanksgiving, im Sommer und in den Semesterferien besuchen. Aber wer so viele Belastungen durchsteht und seine Leidensfähigkeit im stundenlangen Training auf dem Ratzeburger Küchensee geschult hat, der schafft auch diese Hürden mit Leichtigkeit und wird eines Tages mit einer gehörigen Portion Lebenserfahrung mehr auf dem Buckel zurück zum RRC an die Kastanienallee kommen. Denn dort sind für jeden echten Ratzeburger die Wurzeln des Rudersports.

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