Interview mit dem Philosophen und Sportler Hans Lenk

„Es geht im Sport nicht nur um Rekorde“

Der Philosoph Hans Lenk gewann 1960 mit dem Ratzeburger Achter olympisches Gold. Jetzt ist er zum Präsidenten der Weltakademie der Philosophen gewählt worden.

Lübecker Nachrichten: Welche Ihrer philosophischen Erkenntnisse verdanken Sie dem Sport?
Hans Lenk: In der Ethik vor allem den Gedanken der Fairness. Die Fairness in allen Gesellschaftsbereichen ist eine kulturelle Tochter des Sports. Auch den Gedanken der Leistung verdanke ich dem Sport, die Philosophie der Eigenleistung.
LN:. Soll man Menschen nach ihrer Leistung bewerten?
Lenk: Nicht, wenn man sie als absolutes Kriterium für die Anerkennung eines Menschen nimmt. Ihre Würde haben Menschen unabhängig von ihrer eigenen Leistung. Aber die Leistung sollte die Wertschätzung erhöhen können, die ein Mensch erfährt. Dieser Zusammenhang hat im Abendland überhaupt erst zum gesellschaftlichen Fortschritt und den wissenschaftlichen Leistungen geführt.
LN: Im Sport werden Leistungen gemessen und verglichen – und zwar nicht nur im einzelnen Wettkampf, sondern mit der Stoppuhr für alle Zeiten. Ist das der Sündenfall des Sports?
Lenk: Natürlich geht es bei der sportlichen Leistung nicht nur um den Rekord oder das Messergebnis – obwohl unsere Öffentlichkeit dazu tendiert, nur das zu sehen. Das führt manchmal zu geradezu unlogischen Effekten: Bei einem Schwimmwettbewerb in München zum Beispiel entschieden wenige Tausendstelsekunden über den Sieg, und hinterher stellte sich heraus, dass der Zweite ein paar Millimeter weiter geschwommen war – eine zulässige Abweichung in der Konstruktion der Bahn – , also eigentlich Sieger war. Die künstliche Art, krampfhaft einen einzigen Sieger auszuzeichnen, widerspricht dem Gedanken der sportlichen Leistung.
LN: Die Messungen haben auch zur Folge, dass Sportler mit allen Mitteln versuchen, ihre Leistung zu steigern – bis hin zum Doping. Ist das Doping überhaupt noch aufzuhalten?
Lenk: Der Kampf ist schwierig geworden. Im Radsport zum Beispiel ist er kaum noch zu gewinnen. In anderen Sportarten wie Rudern dagegen bringt Doping nicht so viel – aber die Versuchung gibt es immer, solange die Öffentlichkeit nur den Sieger sieht und auf die Athleten Druck ausübt. Bei den Olympischen Spielen in Seoul hat man Sportler befragt: Würden sie es in Kauf nehmen, wenn sie gedopt Olympiasieger würden, nach drei bis fünf Jahren zu sterben? Das war zwar keine repräsentative Umfrage, aber bezeichnend ist es doch: 80 Prozent haben ja gesagt. Ich habe Anfang der 70er Jahre überraschende Doping-Kontrollen im Training gefordert und wurde als Nestbeschmutzer beschimpft. Gedopt wurde übrigens schon in der Antike. Die Sportler aßen Stierhoden, die Testosteron enthielten – ein Anabolikum.
LN: Sollte man dann das Doping nicht ganz freigeben?
Lenk: Ich habe vorgeschlagen, dass man zwei Klassen einrichtet: eine offene Klasse, wo Doping erlaubt ist, und eine andere Klasse, in der die Athleten sich bereiterklären, sich alle zwei bis drei Wochen strengen Dopingkontrollen zu unterziehen. Dann könnte das Publikum selber entscheiden, was es bevorzugt. Vielleicht muss das Kind erst noch weiter in den Brunnen fallen, bis dieser Vorschlag Resonanz findet. Man darf nicht vergessen, dass die Entwickler von Dopingmitteln den Kontrolleuren immer einen Schritt voraus sind.
LN: Durch das Doping sind schon Athleten gestorben. Sind die Sportler moderne Gladiatoren?
Lenk:. In gewissem Sinne ja, nur kämpfen sie ja nicht gegen wilde Tiere, und es geht bei ihren Wettkämpfen nicht direkt um Leben und Tod.
LN: Sehen Sie im Spitzensport noch eine Chance für den Amateursport?
Lenk: Im Spitzensport kaum, aber man darf nicht vergessen, dass 99 Prozent der sportlich Aktiven Amateure sind. Höchstleistungen sind ohne ein entsprechendes Fördersystem kaum zu erbringen. Inzwischen haben ja auch die Olympischen Spiele den Amateurgedanken aufgegeben.
LN: Droht dem Sport irreparabler Schaden durch die Kommerzialisierung?
Lenk: Der Sport ist tatsächlich sehr abhängig vom Kommerz. Immerhin gibt es auch Gegenbewegungen – zum Beispiel gegen die Verschiebung von olympischen Finals auf die Prime Time des amerikanischen Fernsehens. Man muss aber auch sagen, dass die kommerzielle Unterstützung dem Sport auch viele Möglichkeiten gibt, was Ausstattung und Trainingsmöglichkeiten angeht.
LN: Also noch kein Untergang des Abendlands?
Lenk: Nein. Und zurückdrehen kann man die Kommerzialisierung und die Abhängigkeit von den Medien sowieso nicht. Was glücklicherweise vorbei ist, ist die übermäßige Politisierung aus der Zeit des Ost-West-Gegensatzes.

Hans Lenk (70) ist zum 50-jährigen Jubiläum seines Abiturs nach Ratzeburg gekommen. Vor der Feier ging er rudern. Foto: DIRK SILZ

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