Rudertraum am Ratzeburger See Festvortrag von Hans Lenk zum 50-jährigen Jubiläum des Ratzeburger Ru

„Träumereien am Ratzeburger See“ – so nannte ein Wanderruderer namens Demmel 1925 sein Stimmungsbild über den Ratzeburger See. Auszüge daraus mögen zur ersten allgemeinen Einstimmung dienen; und man fragt sich, ob sich das Bild, vom See aus gesehen, seitdem überhaupt verändert hat:
„Der Ratzeburger See … sein blanker Spiegel …Wenn ein herrlicher Tag lacht, da scheint es, als hätten dem See all seine Nixen ein wunderblaues Gewand angezogen – dann ladet er zum Träumen …
Die Farchauer Mühle – so versteckt und verschlafen wie ein Müllerbursche im Federbett. … Drüben, am anderen Ufer, grüßen die gemütlichen dunkelroten Ziegeldächer von Ratzeburg. … Nun gleitet mein Boot in mecklenburgisches Gebiet zwischen Domhof und Kurhaus Bäk. … Auf der andern Uferseite hebt sich die Silhouette des Kirchleins von St. Georgsberg ab, die die Urgroßmutter der Kirchen im lauenburgischen Lande ist. … Weiße Segel durchschneiden kielscharf die klare, stille Flut und entschwinden langsam in weiter Ferne zu winzigen Pünktchen. – Die Sonne meint es so gut – man möchte Himmel, Wasser, Erde, Segelboot und Wald alles umarmen. …“
Das Bild ist dem heutigen Nordlandhoch und seinem Strahlewetter angepasst. Das harmonische Stimmungsbild leitet über zur speziellen Einstimmung auf das Rudertraining.
„Der Küchensee ist spiegelglatt. Morgensonne. Ganz leichter Nebeldunst schwebt noch über dem Wasser. Ich rudere im Einer mein Programm: „Warmmachen“ – fünf Steigerungen zu zehn Schlägen, dann je fünf Zwanziger-, Dreißiger-, Vierziger- und wieder Dreißiger-Steigerungen, unterbrochen durch jeweils zwanzig oder dreißig Erholungsschläge. Die Morgenstille wird nur durch das rhythmische „Pitsch“ des Wasserfassens aufgeteilt. Ich habe das Gefühl, über eine eisartige Fläche zu gleiten, mit zwei großen Löffeln Löcher in die Fläche zu schaufeln und eine gerade Perlenschnur von quallenartigen Wassergebilden aufgereiht hinter mir zu lassen. Ich kann an dieser Schnur entlang blicken und die Fahrt daran orientieren. Die makellose Wasserfläche verführt zum Erlebnis eines unendlichen Gleitens. Bei den Streckenschlägen stellt sich das Gefühl ein, als werde ich vom Rhythmus allein getragen: Auf den Wellen des Schlagrhythmus fliege ich leicht dahin! Die glitzernde Fläche mit dunklen Quallenansätzen entschwindet gleichmäßig „abgetackt“, fast stetig fließend hinter mir her. Gleichgewicht ist kein Problem. Gefangen, gefesselt in der rhythmischen Bewegung, über lasse ich mich ihr ganz. Die Streckenschläge werden ausgedehnt. Das rhythmische Fließen gewinnt Eigenwert, verselbständigt sich scheinbar. Ich überlasse mich ihm, schwinge, „fließe“ mit auf der rhythmischen Bewegung, rudere in einem Zustand höchst empfindsamer Hingegebenheit, Selbstvergessenheit, genieße die Trancephase, die sich in dem Schwingen einstellt. Ein Glückserleben der vollkommenen Bewegung teilt sich mir mit. Ich wähne mich im Paradies der als vollendet erlebten Bewegung. Wie sagte die Tänzerin in ValŸrys Die Seele und der Tanz ? „Ich war in dir, o Bewegung, außerhalb aller Dinge …“ Rhythmus trägt das Leben und lässt es gleichsam zeitlos erscheinen. – Ein auffliegendes Wasserhuhn, das mit klatschenden Trippelschritten auf dem Wasser enteilt und sich in die Luft erhebt, unterbricht das Fließen … .
Das alles ist nun schon fast 50 Jahre her – und doch unvergesslich in der Erinnerung.
Damals wurde der RRC gegründet, der Ratzeburg zur Hochburg des Rudersports gemacht hat.
„Wie entsteht eine Hochburg im Sport?“ Das war die Leitfrage meines Festvortrags beim RRC vor 25 Jahren.
Obwohl ein angeblich zerstreuter Professor, weiß ich heute, wie an jenem 4. März 1978, wo ich hier bin – am Küchensee in Ratzeburg. Damals hatte ich Ratzeburg und Tauberbischofsheim verglichen, sprach von Parallelität und von Emil Adam und Karl Beck, wechselte von der Tauber zum Küchensee, scheinbar durch demonstratives Blättern im Manuskript – und offenbar allzu rhetorisch-geschickt. Denn der Reporter des hiesigen Regionalblättchens verstand die Ironie und Parallelisierung nicht: So zerstreut und vielbeschäftigt schien ihm der Professor, daß er – der Reporter – eine Glosse verfasste (s. Anhang ) . Der Professor habe erst am Schluß wieder gewußt, daß er am Küchensee war. Ein Dreivierteljahr danach – waren die Recherchen so zeitaufwendig? – druckte das Überregionalblättchen, das mit den klugen Köpfen „dahinter“ warb, die Glosse eigenfrisiert nach ( s. u. ).
Die (Meta-)Glossenschreiberin und die Redaktion reagierten auf meinen bissig-ironischen Brief (s.a. Anhang), der nach dem klugen Köpfchen vor dem Herstellen fragte, natürlich nicht, obwohl ihnen das sehr peinlich war.
Ich hatte freilich selber halbnaiv ein Grundgesetz der Journaille nicht beachtet – nämlich, daß Ironie ins andere Ressort gehört, nicht ins Sportressort. Denn ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst (nach Schiller), nicht der Sport: ernst ist das Leben, ernster ist der Sport. Und heute erst!
Doch ist nicht dieser Sport auch eine Art populärer Kunst, die „achte Kunst“, wie ich in einem Büchlein gleichen Titels (1985) behauptete? Die damals hier in diesem Bootshaus und Clubsaal Anwesenden verstanden jedenfalls das alles gut – und wähnten sich und mich ( wie ich selber auch) durchaus am Küchensee und nicht an der Tauber. (Daher heute auch die Einstimmung speziell und namentlich vom Küchensee!)
Die Anfangspassagen von damals gelten immer noch (sie wurden ja auch bislang nie veröffentlicht – auch im RRC- Blatt nicht – deshalb mag man sie neuerlich ein wenig Revue passieren lassen: Die ironische Parallelaktion bleibe dabei abgespeckt.)
„Man nehme ein hübsches Kleinstädtchen von zwölfeinhalbtausend Einwohnern, ein Beamtenstädtchen mit einigen wenigen alten bekannten Kulturdenkmälern wie einem 1000-jährigen Dom, mit einer traditionsreichen Internatsschule und geselle einige initiativefreudige Bürger dazu, zum guten Teil Lehrer – und initiativefreudige Lehrer soll es, sagt man, selbst heute noch in vereinzelten Exemplaren geben – man nehme also einige initiativefreudige Bürger und platziere sie in die Traditionskulisse Ž la Thornton Wilders >Unsere kleine Stadt<, man berücksichtige geographische Bedingungen, die Schule und/oder bestehende Vereine ( je nachdem) oder gründe einfach einen neuen Club – und mische die initiativestarken Bürger unter sie. Dann hat man zweifelsohne höchstens notwendige Voraussetzungen, aber keineswegs eine hinreichende Bedingung für die Entwicklung einer neuen Hochburg des Sports – hier für den Rudersport. Es fehlt aber wohl noch ein Salz in dem sportspezifischen zündungsfähigen Gemisch. Junge, frische leistungsfähige Jugendliche hat man von der Internatsschule, aber wer soll sie vom Bildschirm – früher sagte man: hinterm Ofen hervor- locken! Hier müssen ersichtlich wieder Bürger einspringen. Man braucht darunter wenigstens einige begeisternde, mitreißende, motivierende Persönlichkeiten, die den Jugendlichen Perspektiven und Ziele eröffnen, mit ihnen leben, sie führen, anleiten in ihrem Sport, mit ihnen diesen Sport betreiben. Ohne die Begeisterungszündung „ liefe nichts“, wäre keine Leistungsgruppe, keine „verschworene Gemeinschaft“ eines hochleistungsbereiten, hingebungswilligen Jugendclans zu bilden und zu erhalten. Der Trainer ist dabei der Spiritus rector – er müsste aber selbst Sport getrieben haben, u.U. in einem anderen Sport, wettkampfmäßig aktiv gewesen sein, um seine Aktiven verstehen zu können, um jede Anspannungssituation des Trainings und Wettkampfes, die Phasen von Hochs und Tiefs nach- und miterleben zu können. Er muß Autorität, durch Leistung und Überzeugungskraft nachgewiesene und immer neu zu bewährende Autorität besitzen – eine Autorität, die nicht bloß an Ämter, Orden und Titel gekoppelt ist. Kurz: er muß eine Persönlichkeit mit jugendansprechender Begeisterungsfähigkeit und Führungsqualität sein – ein mitreißender Charakter auf der Expedition in ein unerobertes Reich des Sports, der eben durch Beispiel, Überzeugungskraft, Einsatzintensität – und selbst eben durch Begeisterung wirkt. Nur Begeisterte können begeistern, andere begeistern. (Vielerorts scheint diese pädagogische Weisheit heute vergessen...) Die Begeisterung zum Rudern klingt aus dem Buch West Wind (von Mary Oliver, 1997), das Hodding Carter, den Nachsegler und Nachruderer der Wikingertour von Leif zwischen Grönland und Neufundland, so sehr begeisterte. „Du bist jung. Also weißt du alles. Du springst ins Boot und fängst an zu rudern. Doch hör mir zu. ... Nimm die Ruder aus dem Wasser, lass die Arme, das Herz und den kleinen Herzensverstand ruhen, und hör mir zu. Es gibt ein Leben ohne Liebe. Es ist keinen roten Heller, keinen alten Schlappen wert. ... Aber wenn du, eine Meile entfernt und noch außer Sicht, das Gurgeln des Wassers hörst, wie es wirbelt und wühlt, wie es an den scharfen Steinen entlang scheuert – wenn du den Sprühnebel auf den Lippen spürst und dieses unmissverständliche Pochen der Wasserschlacht dort vorne hörst, das Rauschen der fallenden, dampfenden Wasserkaskaden – dann rudere. Rudere um dein Leben – dorthin.“ Die etwas pathetische Passage erinnert an die nüchternere Lebensregel des August Graf von Platen: „Überlaß dein Boot auf dem Meere des Schicksals nicht den Wellen, sondern rudere selbst, aber rudere nicht ungeschickt.“ So war es auch in Ratzeburg. Ein Hauptbegeisterer, aber nicht Alleinschuldiger, schrieb vor 40 Jahren auf die Frage nach den Ursachen der sportlichen Welterfolge des Ratzeburger Ruderclubs in „unserer kleinen Stadt“: „Die meisten machen sich die Antwort zu bequem, indem sie mich mit der ganzen Verantwortung für diesen akuten Fall von Größenwahn beladen . Darüber wird meist vergessen, daß nur das Zusammentreffen einer ganzen Reihe von Umständen sachlicher und personeller Art diese Entwicklung möglich machte. Da ist zunächst das ideale Ruderrevier mit der Möglichkeit, bei jedem Wetter im Windschutz der bewaldeten Hügel ein irrsinniges Training auf dem Wasser durchzuführen. Wenn Oberstudienrat Tredup nicht auf meinen völlig verrückten Vorschlag eingegangen wäre, als erstes Boot für die Ruderriege ein Klinkerskiff und als zweites ein Sperrholzskiff zu kaufen, wäre die ganze Entwicklung schon im Keime erstickt worden. Man kann ihm den Vorwurf grober Fahrlässigkeit nicht ersparen, weil er, statt einen anerkannten Fachmann zu Rate zu ziehen, der damals sicherlich die Anschaffung eines Ruderbockes empfohlen hätte, diesem hergelaufenen Nichtruderer einfach Glauben schenkte. Einen ähnlichen Vorwurf muß man den ersten Trainingsleuten machen, die nach den ersten Erfolgen mit guten Ratschlägen überschüttet wurden, doch diesen Unsinn aufzugeben und in einem richtigen Verein richtig zu rudern, aber dickköpfig und unbelehrbar blieben. Dann ist da ein gewisser Alfred Block, der von Anfang an für diesen kleinstädtischen Unfug die materiellen Voraussetzungen schaffte, was ihm den Namen „Dukatenspucker“ einbrachte. Wie er das eigentlich gemacht hat, ist mir immer ein Rätsel geblieben. Auch die von ihm Überredeten (oder Erpressten oder Beraubten, wie gesagt, ich weiß es nicht) sind keineswegs von jeder Verantwortung dafür freizusprechen, was mit ihrem Gelde geschah. Ich kann noch eine Reihe von weiteren Mitschuldigen angeben, die, jeder an seiner Stelle, nach Kräften dazu beigetragen haben, daß sich hier ein größenwahnsinniger, kaum geborener Kleinstadtverein eine Rolle angemaßt hat, die ihm nach der Meinung aller Einsichtigen in keiner Weise zusteht. Ich protestiere ebenso feierlich wie energisch dagegen, daß man mich zum Alleinschuldigen machen will.“ Soweit der Haupt-, aber nicht Alleinschuldige. Sie haben ihn am originären Sprachduktus längst erkannt. Dennoch lässt sich ihm ein empfindlicher Fehler literarisch-dokumentarisch nachweisen. Sein eingebildeter Größenwahn hatte sich als Kleinwahn entpuppt. Wieso? Nochmals Karls Adam: „Mit dem Ratzeburger Achtersieg auf der Deutschen Meisterschaft 1958 hat eine Entwicklung ihren Abschluß gefunden, die 1953 begann. Als damals im Gründungsjahr des RRC Klaus von Fersen seine ersten Erfolge im Einer erzielte, sagte und schrieb man: „Wie schnell würde der Junge erst sein, wenn er in einem richtigen Verein, bei einem richtigen Trainer richtig rudern lernte“. Als dann 1955 Rulffs mit von Fersen die Doppelzweiermeisterschaft gewann, hieß es: „ Ja, mit Skullern geht das vielleicht, aber Riemenrudern ist doch ganz was anderes.“ 1957 gewann Rulffs mit Schröder den Zweier o. Steuermann. Die Reaktion: “In kleinen Booten mag das möglich sein, aber im Vierer und Achter bestimmt nicht“. 1958 gewann Ratzeburg den Achter gegen eine 88 kg schwerere Mannschaft und in Renngemeinschaft mit Ditmarsia Kiel den Vierer ohne Stm. Jetzt hörte man: „Die Intervallschinderei und das Gewichtheben kann ja nicht gesund sein (die Stimme eines Arztes), die Leute sterben alle weg, spätestens in 80 bis 100 Jahren“. Oder:“ Was die Ratzeburger machen, kann gar nicht gut sein, weil es von einem Nichtruderer stammt (die Stimme eines Trainers).“ Fürwahr, die Stimme eines Trainers war nun eben auch diese Äußerung. Und wie hatte er sich doch geirrt, kleinwahninnig sozusagen, als er Anfang 1959 feststellte, mit dem Ratzeburger Achtersieg 1958 habe „eine Entwicklung ihren Abschluß gefunden“! Sie - die Entwicklung – hatte doch gerade erst begonnen, war gerade erst auf Kiel, und zwar auch in Kiel, hauptsächlich aber am Küchensee gelegt. 1959 Mâcon: das bis heute und wohl auf ewig überlegendste internationale Meisterschaftsrennen in Achter, fast zehn Sekunden vor dem Feld erfochten, widerlegte unseren hauptschuldigen Autor nahezu auf dem Fuße. Die Polabengöttin Siva, als Fruchtbarkeitsgöttin auf dem Palmberg, dem Standort der heutigen Ruderakademie, verehrt, muß sich im Grabe umgedreht haben. Doch würde sie, wenn Wassergöttinnen sterblich wären, sicherlich ein Seejungferngrab bevorzugt haben (worauf sich ja wohl auch der Name aus neuerer Zeit bezieht) – im Domsee oder Küchensee. Siva, die Göttin des Ratzeburger Sees, des Ruderreviers, zweifellos in ihrer natürlichen Vitalität selbst eine Ruderinnenfigur – kürzlich verkörpert von Meike, Meike Siva gleichsam – Siva also schenkte den sog. Naturburschen vom Ratzeburger See Gunst und Gewinne, die kaum zu zählen sind. Von Siva begünstigte Erfolge kamen aber allen deutschen Ruderern zugute. Das ist bekannt. Bekanntes braucht man bekanntlich nicht nochmals bekannt zu geben, obwohl unsere Medien fast nur noch davon leben, daß sie bekannt geben, was bekannte Politpromis über Bekanntes meinen bzw. bekannt geben wollen.
Das große Ratzeburger Ruderjahrzehnt, das ein großes, das größte bundesdeutsche Ruderjahrzehnt wurde, ist z.B. bekannt: Der Kreis der Mitschuldigen war erweitert worden: Wen hat Siva nicht betört? Trainer aus Kiel, Lübeck, Berlin – Ruderer aus West und Süd. Ex-Aktive wurden mitbetört, mitgestört, mitgehört. Mitgefangen, mitgehangen. Der Ratzeburger Achter wurde ein Verbandsachter, genannt „Deutschlandachter“, der Ratzeburger Trainer ein „Ruderprofessor“ und Doktor gar. Unsere kleine Stadt lag nicht mehr „drei Längen vor Wiesbaden“ (1958), sondern eine Länge vor dem Rest der Welt (1960, 1962, 1966, 1968). Dank Sivas Gunst scheffelte man edles Metall; es galt „Ratzeburg ruled the waves, ruled the races!” Eine kleine Stadt ward zum Nabel der Ruderwelt – dank der Vermählung frühchristlicher mit der slawischen Mythologie:
Nicht >Adam und Eva<, sondern >Adam und Siva< hieß das Erfolgsrezept der Wikinger vom Küchensee. Seltsam, daß dieses selbst in römischen und aztekischen Gefilden goldene Wunder bewirkte, auch in eidgenössischen, slowenischen und sogar im Lande der aufgehenden Sonne und in „Terra Australis“. Aber wie es nun einmal so ist in der Geschichte: Nach dem Kampfgetümmel kam erst einmal der Friede zu Ratzeburg. Siva warf – wir kennen es von der schönen Münze im hiesigen Kreismuseum – Siva warf die Waffen fort, in den Ratzeburger See. Die große Dekade war zunächst vorüber. War die Gunst der Göttin auch vorbei? Auch den Göttern des Verbandswesens waren die Ratzeburger Waffen verdächtig, wie uns die Münzinschrift belehrt: Quae suspecta diis merito Siva deicit arma („Waffen, die den Göttern suspekt, wirft zu Recht, verdient, die Siva fort“). „Verdient“ ? Verdiente Ruhe nach dem Kampf, ruhiges Altern und Besinnen nach dem jugendlichen Aufbruch? Man sieht neben der noch immer göttlich-jugendlichen nackten Symbolfigur auf der Münze keine Ruderboote mehr, nur vier Segler. Man sollte die Münze umprägen. Jedenfalls hat Siva seit einigen Jahren die Recken betört, zum Wiederaufstieg befeuert, z.B. Kai von Warburg, Marco Geisler – vielleicht auch schon Thomas Lange.(Etwa auch Meike und Marita?) Den Kampfgeist beschwört ein Achterbild. Es hängt hier im Bootshaus. Das Bild aus der Mitte des Rennens: Schwer stampfende und keuchende Mannschaft, knollige Arme, flächige Köpfe, fortgeschnittener Steuermann, alles vom Tele zusammengeballt. Schwarz-graue verbissene Konzentration. Jeder gibt sein Letztes, jeweils stets in jedem Schlag. Wenn Fotografie zur Kunst werden kann, hier ward sie es. Der Achter – die geballte Kraft, unbändiger Vorwärtswille, Siegesdrang, Sichausgeben bis zum Letzten, wo Selbstüberwindung an Selbsthingabe, Selbstaufgabe grenzt, wo Schwärze vor den Augen tanzt. Dieses fotographische Gemälde ist der Ratzeburger Achter auf der – wohl der Tokioter - Strecke, vom unvergessenen, allzu früh verstorbenen Sitzriesen „Knolle“ Wallbrecht als der dynamischsten Mittelfigur überragt. „Der Achter, das ist die Mannschaft an sich“ – Rudolf Hagelstanges Satz beim Achtersieg von Rom ist hier erst richtig ins geballte Bild gebracht. Die stampfende Maschine aus acht alles aufbietenden, sich ausarbeitenden Athleten – ein Symbol von „Alles geben“, „Einigkeit macht stark“. Heroischer Leistungsmythos? Die ewige Legende von Manneskraft und Vitalität, Zieleinsatz und Weltrekord, von Sisyphos und Herkules? Wir denken aber auch an die Lithographie von A. Paul Weber „Der Ratzeburger Achter“. Dieser Achter ist hier von – natürlich schlauen – Füchsen bemannt. Kurz vor dem Ziel. Jetzt wird 's wieder leicht. Man führt mit einer halben Länge – und fühlt sich wie ein schlauer Fuchs. Eulenspiegel steuert spielerisch und sicher die alten Ruderfüchse auf heimatlicher Regattabahn am Küchensee zu ihrem großen Sieg. Laßt Hasen und Ochsen am Ufer schreien, die Uhus im anderen Boot haben keine Chance mehr. Gleich rufen die Füchse nach dem Ziel – leicht hechelnd, aber eben leicht: „Wi sün all dor!“ Sie kennen auch dieses Bild; es „is ok all dor – anne Wand“! Es ist der kritisch-graphische Beitrag von A. Paul Weber, eine ironische Hommage an die Ratzeburger Ruderei. Die schlauen Füchse führen und liegen ganz kurz vor dem Ziel. Wenn Siva ihnen gnädig ist, so siegen sie ganz sicherlich. Schließen möchte ich mit meinem Gedicht des Gedenkens an Karl Adam, den Lehrer, Freund und Trainer. Das teils sehr persönliche Gedicht bezieht sich auf Karl Adams Wirken als Erzieher und Trainer, besonders auf den Olympiasieg des Kiel-Ratzeburger Achters auf dem Albaner See bei Rom (1960) und den in gemeinsamer Trainerschaft erarbeiteten Weltmeisterschaftsgewinn des Berlin-Ratzeburger „Deutschlandachters“ in Bled 1966. (Beethovens Neunte Symphonie diente in den Jahren der gesamtdeutschen Olympiamannschaft als Siegerhymne für deutsche Olympioniken.) Olympisch Aprèslutte (Dank und Gedenken nach dem Tod des Trainers 1976) Castelgandolfo: See und Krater, Amphitheater, Papstpalast. Olympischer Rekurs: sechzehn Jahre von Minuten geprägter Existenz. Nachhallende Erinnerung. Cérémonie protocolaire olympique: Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum. Pindars erste Olympische Ode: „Weit leuchtet des olympischen Wettkampfes Ruhm, wo in Pelops’ Startbahn der Beine Schnellkraft wetteifert auf dem Höhepunkt des Trainings und der Kraft. Wer aber siegt, gewinnt für das übrige Leben Glück und heitere Gelassenheit; Ihn kränzt der Ölzweig unvergänglich: olympischer Preis – das Höchste, was je einen Sterblichen krönt.“ Wieder südlicher See: Championnats du Monde – huit rameur avec barreur. Freude sprudelt in Pokalen... Dem Verdienste seine Kronen. Gold dem Achter: Welterfolg miterwirkter Meisterschaft mündiger Athleten, gemeinschaftlich trainiert, Vorspiel, Fundament mexikanischer Medaille. Heute aber Schwere-Schmerz, Schmerz und schmerzliches Erinnern: Vater-Freund entrissen, verloren und verlassen, verschieden im Verlaufe der Rekonvaleszenz. Zerbrochen der Elan, des alten Adam alte Kraft. Die Zeit fällt auch den stärksten Baum. Im letzten Lauf fiel Sisyphos, er siechte nicht dahin, ein Glücklicher im Tod, versichert uns Camus. Das letzte Rennen - abgebrochen; kein Widerruf noch Wiederkehr: bittere Endgültigkeit, alles adamitisch in Trauer tief verhängt. Anstrengung metaphysisch Spiegelfilm des Lebens: Konkurrenz im Rennen homerisch-agonal: "Immer der erste zu sein und vorzustreben vor andern." Des letzten Rennens unvergänglicher paulinisch-korinthischer Preis: "Wisst ihr nicht, dass, welche in der Rennbahn laufen, zwar alle laufen, aber nur einer den Preis erlangt? Laufet so, dass ihr ihn erlangt! Jeder Wettkämpfer aber ist in allen Dingen enthaltsam: jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen. Ich nun laufe so wie einer, der nicht ins Ungewisse läuft; ich kämpfe so wie einer, der nicht in die Luft schlägt." Kampfsymbol und Sieg? Wissen, gut gekämpft zu haben – altolympisch Coubertin. Ölblatt des Schweigens. Altis und Kronos, akademisch geehrt: Legende zu Lebzeit – Lehrer, Mentor, Trainer, Freund – homo faber, stets aktiv, apollinische Gestalt, mythisches Symbol des Handelns am Vulkan. Weltsymbol Vulkan: Lago di Albano. Otto con timoniere – klassische Wettfahrt: Vergils "Aeneis" fünf: "Jetzt eröffnen den Kampf, sich gleich an gewaltigen Rudern, vier aus der ganzen Flotte mit Sorgfalt erkorene Boote. Dann bestimmen die Lose den Startplatz, rüstet sich die Mannschaft... und entblößt die Schultern..., die Arme kräftig am Ruder, und erwartet gespannt das Zeichen; bebenden Herzens regt sich beklemmende Angst, durchdrungen vom Streben nach Ruhm. Beim hellen Signal, da stürmen sie alle vom Start; es schallt zum Himmel hektisch das Ruderergeschrei: ...und weg! Und es schäumen die Fluten vom Schwunge der Ruder. Alle zugleich ziehn Furchen dahin, und tief auseinander klafft, von Rudern zerrissen und schmalen Spitzen, der See... Mnestheus verlangt nicht von euch, als erster im Kampfe zu siegen. Wenn's gelänge! Doch siege, wem du es, Neptunus, beschieden. Nur nicht die Letzten zu sein, o Schmach! Da sieget, ihr Männer, wendet die Schmach!' Nun spannen sich alle mit äußerster Kraft, von den gewaltigen Schlägen erbebt schon das Boot, und es schwindet die Flut. An Glieder und trockenen Gaumen schlägt der keuchende Atem, und Schweiß rinnt nieder in Strömen... Wieder erhebt sich lautes Geschrei, den Verfolgten stachelt doppelter Zuruf der Menge, vom Lärm hallt wider der Äther; jene voll Scham und Verdruss, die gewonnene Ehre, den Kampfpreis nicht zu behaupten, setzen das Leben daran, um zu siegen; diese belebt der Erfolg, man kann, was die Stärke sich zutraut... Selbst mit mächtiger Hand trieb Vater Portunus den flinken Bootsrumpf voran, und schneller als Wind und gefiederte Pfeile flog er an Land und verbarg sich in der Tiefe des Hafens... Aeneas läßt durch Herolds Ruf Kloanthus zum Sieger erklären und windet ihm dann um die Schläfen den nicht verwelkenden Kranz..." Nicht anders das moderne Rennen neunzehnhundertsechzig, römisch, auf olympischem Vulkan: "Encore deux minutes!" "Êtes vous prêts? Partez!" Der Start. Fieber in Hast entladen, Steuermannsgeschrei. Spurten an die Spitze, dann Gleichtakt-Streckenschlag: Vierziger-Metronom. Zwölfhundertfünfzig: 'stiller' Spurt. Durchhalten. Bleiglieder. Einsatz, Ziehen, Endzug; Klobengriff am Holm halten, durchhalten... Vancouver liegt zurück. „Letzte Fünfzehn, letzte Kraft!“ Alles noch in diesen Schlag, und in diesen wieder! Endspurtschwärze, blicklos, Schwärze, Brausen, raue Kehle. Schwere schmerzt in Arm und Bein, Schenkel scheinbar bersten. "Hart die letzten Fünf!... ... vierzehn, fünfzehn! Durch!" Dunkel, Fallen, Sinken, Luft! Keuchen, Hecheln, magenschwach. Weiterpaddeln – "In Bewegung!" Lockern, schlaff gelöste Glieder... Allmählich taucht die Umwelt auf: Trikots und brausende Tribüne. Nach jahrelangem Training – Sieg, medaglia d'oro und Applaus. Letztes Rennen, Lebensschnitt, Wehmutlächeln im Erfolg: Was bringt das Leben nun? Ciceronisch und ironisch 'Tuskulane Disputation': "Pythagoras aber sagte, ihm scheine der Mensch Leben zu gleichen jenem Markte, jenen Spielen, mit dem größten Aufwand in ganz Griechenland gefeiert... ...die einen üben den Leib und erstreben Ruhm und Ehre..." Citius, altius, fortius: Didonisch Coubertin "...so dienen die einen der Ehre, die anderen dem Gelde..." „Markt oder Tempel?“ - philosophisch Coubertin. Tochter aus Elysium? Alle Menschen werden Brüder? Enttäuschte Illusion? Amateurhaftes Hoffen? "...so dienen die einen der Ehre...", „Citius, Altius, Fortius“, moralisch überhöht? Überwindung, Neubeginn – szientifisch-apollin, dem Mentor zugetan. Sechzehn lange Jahre römische Impression ewiger Stadt albanisch – olympische Hypothek. Überwindung, Neubeginn, Tochter aus Elysium. Pythagoras erkennt: "Selten seien jene, denen Erkenntniseifer über alles geht." Beschreiben und erklären, bedeuten und verstehen: Tuskulane Existenz sisyphischer Effizienz? Vergeblich Kampf und Sieg? Wissen, gut gekämpft zu haben. Alle Menschen werden Brüder auf des Hades trüber Flut. Verziehen und vergessen: Olympisches Erinnern schwebt über Charons Boot. Und der Freude Götterfunken? Aus der Wahrheit Feuerspiegel lächelt sie dem Rudrer zu, Tochter aus Elysium.

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