Das Ringen um Ausnahmeathlet Jörg Lehnigk geht weiter

Schleswig-Holstein laufen die Topstars weg

Worüber sich vor wenigen Wochen noch wenige Entscheider aus dem Ratzeburger Ruderclub und dem Landessportverband Gedanken gemacht haben spitzt sich nun immer mehr zu. Der 27jährige Olympia-Skuller Jörg Lehnigk aus dem Top-Team Peking beginnt seine hochprofessionelle Vorbereitung auf den größten Traum den ein Sportlerherz hat: Die Olympischen Spiele 2008 in Peking. Dafür muss der Sportstudent der Hamburger Universität noch einmal zwei Urlaubssemester nehmen, um sich voll auf den Sport zu konzentrieren, bzw. um auch auf die zahlreichen knallharten Trainingslager in ganz Europa mitzureisen, die das Top-Team-Peking in seiner Vorbereitung auf Olympia zu absolvieren hat. Was der bei allen 480 RRC-Mitgliedern beliebte Ruderstar nicht bedacht hat: Dafür dass er seine Berufskarriere um ein Jahr verschiebt, streicht ihm die Deutsche Sporthilfe die Studienfinanzierung, da Jörg ja zwei Urlaubssemester nimmt. Über die Bundeswehrsportförderkompanie kann der Leichtgewichtsskuller nicht angestellt werden, da er ausgemustert worden ist, der RRC als Kleinstadtverein hat derzeit keine Möglichkeit der finanziellen Unterstützung, der Landessportbund Schleswig-Holstein verfügt ebenfalls über keine Top-Team-Förderung wie andere Bundesländer und beim Deutschen Ruderverband ist auch nichts zu holen. Damit droht das Unfassbare: Von der Grundförderung von 75 Euro kann kein Sportler im Monat überleben, auch nicht der sparsame Lehnigk. Deshalb schielt der junge Mann, der seit 17 Jahren für seinen RRC startet in Richtung Hansestadt Hamburg, wo es aus einem Wirtschafts-Sponsoren-Topf von über 300.000 Euro für jeden Olympiasportler im Monat 400 Euro Beihilfe gibt. Allerdings nur wenn er für einen Hamburger Ruderverein startet! Und was Vierfach-Weltmeister Marco Geisler (wechselte 2007 vom RRC zum RC Favorite Hammonia Hamburg) vorgemacht hat, könnte dem erfolgreichsten Ruderverein des Landes nun auch in Person von Jörg Lehnigk tun.

„Das wäre der absolute Horror schlechthin, wenn ein echter Schleswig-Holsteiner Jung in seiner letzten und wichtigsten Saison das Bundesland wechselt. Es geht ja auch nicht um Unsummen und wir müssen mit dem Landestrainerteam in einem Notfall-Plan jetzt schnell schauen, wo wir Gelder frei machen können. Jörg steht für alles, was bei uns in Schleswig-Holstein erfolgreichen Rudersport ausmacht und wir müssen endlich aufwachen und alles unternehmen, damit Jörg bleibt“, erzählt der Landestrainer Björn Lötsch völlig entsetzt über aktuelle Abwanderungsgedanken. Auch beim Landessportbund beginnt man langsam gegenzusteuern. „Es ist eine vertrackte Situation, dass Ruderer im gleichen Olympiastützpunkt Hamburg-Schleswig-Holstein ungleich gefördert werden, aber wir sind leider derzeit hilflos und müssen mit ansehen, wie Olympiasportler aus unseren Topsportarten Rudern, Segeln und Beachvolleyball für die Förderung das Bundesland wechseln. Wir wissen, dass wir da großen Nachholbedarf haben, haben bereits Maßnahmen geplant, doch die werden nicht mehr bis Peking greifen, so dass wir die Sportler, auch Lehnigk, mit vollem Verständnis ziehen lassen müssen“, spricht der Geschäftsführer des Landessportbundes Thomas Behr offen über die aktuelle Problemsituation.

Der Betroffene Sport Jörg Lehnigk gibt sich eher bescheiden, ihm ist der ganze Rummel unangenehm, und befindet sich noch in Gesprächen mit seinem Ratzeburger RC. Mit einer solchen Situation hatte der junge Inselstädter eigentlich nicht gerechnet, sondern immer geglaubt, dass Spitzensport für Deutschland angemessen gefördert wird. Dass er nun weit unter Hartz-IV-Status von 75 Euro im Monat hochprofessionell trainieren und leben soll ist allerdings schon kein besonders rosiger Ausblick. „Wir werden vielleicht noch einmal bei der Sporthilfe einen Härtefallantrag stellen, da alle meine Kameraden in anderen Landesverbänden oder bei der Bundeswehr gut versorgt sind und ich das einzige Sorgenkind bin. Aber falls sich da auch niemand zuständig fühlen sollte, bleiben nicht mehr viele Möglichkeiten übrig“ spricht Lehnigk traurig über seinen letzten Hoffnungsfunken. Der Ratzeburger Ruderclub steht jedoch hinter seinem Superstar und befasst sich intensiv mit der der aktuellen Situation: „Falls sich an der Finanzierungssituation nicht ändern sollte, wären wir als kleiner Verein doch sehr überrascht, dass Sporthilfe und der DRV ihre Olympiakandidaten derart im Regen stehen lassen, Urlaubssemester vorschreiben und dafür die Studienbeihilfe streichen. Das können wir im RRC gar nicht nachvollziehen und arbeiten intensiv an Lösungsmodellen. Vielleicht kann die Politik ja Hebel in Bewegung setzen, an die ein Kleinstadtverein wie der RRC sonst nicht herankommt“ ,spricht Prof. Dr. Frank T. König als Vorsitzender für den RRC.

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