Zur Erinnerung an Manfred Rulffs

Am 15.Januar 2007 verstarb nach langer Krankheit im 72. Lebensjahr Manfred Rulffs, Ehrenmitglied unseres Clubs, Schlagmann der Mannschaft, die 1960 den ersten deutschen Olympiasieg im Achter erruderte, sechzehn Jahre Bundestrainer an der Ruderakademie Ratzeburg
Ich habe zehn Jahre lang in fast allen Bootsgattungen im Training und im Rennen auf dem Platz direkt hinter ihm als Schlagmann gerudert und auch viele schöne Fahrten mit ihm im Wanderboot gemacht. Ich möchte hier einiges aus seinem Leben in Erinnerung bringen.

Manfred wurde am 6. März 1935 in Kiel geboren. Nachdem sein Vater sehr früh verstorben war, siedelte seine Familie nach Plön über. Aber wichtiger für seinen Lebenslauf wurde wohl die Umschulung zur Lauenburgischen Gelehrtenschule 1948 und die Aufnahme ins hiesige Alumnat.
Hier trat der Rudersport in sein Leben und nahm bald großen Einfluss auf den weiteren Ablauf. Dieser Einfluss kam sicher von seinem Sportlehrer Karl Adam, der gerade als junger Studienrat für Mathematik, Physik und Leibesübungen in Ratzeburg den Dienst angetreten hatte und von Oberstudiendirektor Adolf Tredup zum Protektor der Ruderriege ernannt worden war. So kam Manfred über die Ruderriege der Lauenburgischen Gelehrtenschule in den Ratzeburger Ruder- Club.
Mit einigen für Manfred typischen Szenen möchte ich aufzeigen, wie die Entwicklung im damals noch jungen RRC verlief.
Als der RRC 1953 gerade geboren war, führte das erste Anrudern zur Farchauer Mühle. “Unser“ Bootshaus war damals der Bootsschuppen der Ruderriege der Lauenburgischen Gelehrtenschule am Großen Ratzeburger See. Selbstverständlich wurden alle Bootsplätze in den sieben vorhandenen Booten besetzt. Die beiden Skiffs „Mohammed“ und „Allah“ fuhren wir beide. Die Flotte wählte den kürzeren Weg durch den Schwanenteich nach Farchau. Aber es mussten noch zwei selbstgebackene Torten an der Schweriner Straße abgeholt werden. Die beiden Skiffs machten als schnelle Kurierboote den Umweg über den Kleinen Küchensee, den wir damals „Spucknapf“ nannten. Wir legten am Ostufer an und holten die beiden Torten ab. Da standen wir nun mit den beiden wunderschönen Tortenplatten am Ufer und suchten nach einem Stauraum im Skiff. „Aufs Achterdeck stellen und dann gut balancieren“, war Dein Vorschlag. Die beiden Torten kamen wohlbehalten in Farchau an. Balancehalten konnten die Adam- Schüler von Anfang an sehr gut.
Du kamst dann als Doppelzweierpartner von Klaus von Fersen, dem späteren sechsfachen deutschen Einermeister, sehr früh in ein intensives Renntraining. Als unser Club gerade zwei Jahre alt war, errang er bei den gesamtdeutschen Meisterschaften auf der Olympiabahn in Berlin- Grünau 1955 die Titel im Einer und im Doppelzweier, und Du wurdest zum ersten Mal Deutscher Meister.
Im Rennrudern war Dein Markenzeichen die Vielseitigkeit. Du errudertest sieben Deutsche Meisterschaften in vier verschiedenen Bootsgattungen. Du konntest Dich unwahrscheinlich gut und schnell auf neue Bedingungen einstellen.
1957 wollten wir beide den Zweier o. Stm. erproben. Da wir beim RRC so ein Boot nicht zur Verfügung hatten, liehen wir uns bei den Deutschen Hochschulmeisterschaften auf der Alster in Hamburg ein solches Boot aus. Wir saßen eine Dreiviertelstunde vor dem Start zum ersten Mal in einem Zweier „ohne“. Beim Hochfahren zur Startlinie musste geklärt werden, wie ein Fußsteuer funktioniert, welches von Dir auf dem Schlagplatz zu bedienen war. Du löstest alle Probleme, steuertest im Rennen einen tadellosen Kurs, legtest einen guten Schlag vor und wir erreichten ein Tempo, das für den Sieg ausreichte. Die Zweitplatzierten bei diesen Studentenmeisterschaften wurden später immerhin Europameister und Olympiasieger.

Unser zweites Rennen im Zweier o. Stm. war der Start auf den deutschen Meisterschaften. Wir hatten inzwischen ein eigenes Boot. Der RRC hatte den alten Doppelzweier „Ares“ zum Zweier „ohne“ umbauen lassen. Das Besondere beim Start 1957, wiederum auf der Olympiastrecke von Berlin – Grünau, war, dass wir beide sowohl im Zweier o. Stm. als auch im Doppelzweier an den Start gingen und auch noch jeweils mit anderem Partner. So mussten wir über die Vorrennen und Endläufe mehrfach vom Skullen zum Riemen umstellen. Du erreichtest bei diesen (vorläufig) letzten gesamtdeutschen Meisterschaften einen ersten Platz im Zweier o. Stm. und einen zweiten Platz im Doppelzweier.
Der dritte Start im Zweier „ohne“ waren die Rennen bei den Europameisterschaften in Duisburg. Wir mussten als Neulinge in dieser Bootsgattung in unserm Hoffnungslauf den sowjetischen Zweier, den amtierenden Europameister, schlagen, um in den Endlauf zu kommen. Wir erreichten den Endlauf. Aber als wir nach dem Hoffnungslauf an den Steg kamen, konntest Du nicht ohne Hilfe aus dem Boot steigen, so sehr hattest Du Dich verausgabt. Im Rennen (und im Training) muss man sich darauf verlassen können, dass der Partner alles gibt, sonst kann man keine internationalen Rennen gewinnen. Auf Dich konnte man sich immer verlassen. Diese Einstellung ist notwendig und galt auch schon früher. Aber das „Trainingslager“ zur Vorbereitung auf diese Europameisterschaften war damals noch etwas anders. Wir beide (als auswärtige Studenten) schliefen auf Luftmatratzen im Umkleideraum des RRC- Bootshauses. Zum Essen wurden wir abends häufig von (hilf-) reichen Clubmitgliedern eingeladen. Sonst brutzelten wir uns unser Abendbrot auf dem Benzinkocher vor dem Haus. Als Verstärkung der Eiweißzufuhr dienten (von Dir gefangene) Fische. Es gab damals noch keine Sporthilfe. Trainiert haben wir dabei dreimal täglich, zusätzlich zum Vormittags- und Nachmittagstraining ein drittes Mal vor dem Frühstück.
Bei den Europameisterschaften 1958 in Posen, liefertest Du ein besonders gelungenes Beispiel für Karl Adams These: „ Wer den Einer rennmäßig beherrscht, ist auf allen Bootsplätzen einsetzbar!“. Im Vierer o. Stm. wurdest Du Europameister, auf Steuerbord rudernd, und knapp zwei Stunden später rudertest Du auf dem Schlagplatz im Achter, auf Backbord. Du konntest Dich perfekt und sofort an wechselnde Bedingungen anpassen. Und Du konntest Dich optimal auf den Partner einstellen. Es war eine Lust mit Dir im Boot zu sitzen.
Aber nicht nur im Rennboot warst Du ein zuverlässiger Bootskamerad. Nach den Europameisterschaften 1957 machten wir beide eine Ruderwanderfahrt „Rund um Holstein“. An dem Tag, als wir über den Plöner See fahren mussten, herrschte ein „Kuhsturm“. Eigentlich war Rudern nicht möglich. Wir hatten aber keinen Reservetag mehr. Wir meinten, wenn wir unsere alte „Lübeck“, einen gedeckten Gig- Doppelzweier m. Stm., nur mit einem Ruderer besetzen, also ohne Steuermann, ohne Partner und ohne Gepäck fahren würden, könnte der Tanz auf den Wellen gelingen, ohne voll zu schlagen. Das Los zum Rudern fiel auf mich. Du wolltest das Gepäck mit dem Handwagen zum Fähranleger karren und dann mit der Motorschifffahrt nach Bosau nachkommen. Die Überfahrt im Zweier gelang, aber in Bosau fand ich keinen Manfred und kein Gepäck. Die Erklärung fand ich mit einem Aushang am Fähranleger: „Die Motorschifffahrt fällt heute wegen Sturm aus!“ Erschöpft und total durchnässt machte ich mich auf den Fußweg nach Plön. Auf der aufgewühlten Wasserfläche sah ich ein einziges Segelboot mit dem Sturm kämpfen. Als ich nach 20 km Laufstrecke bis Plön und zurück wieder in Bosau ankam, hattest Du unser Zelt schon aufgestellt. Du hattest das Gepäck mit eben dieser Segeljolle nach Bosau gebracht. Auf Dich war eben immer Verlass.
Und langweilig waren Wanderfahrten mit Dir auch nicht. Wir fuhren mit der guten alten „Lübeck“, jetzt zu dritt, von Lübeck die Trave aufwärts. Es wurden gerade Flussbegradigungen ausgeführt und wir mussten wegen der Bauarbeiten mehrfach umtragen. Du kamst zum Boot zurück und botest unserm dritten Mitfahrer ein frisch abgebrochenes schwarzglänzendes Stück Lakritz an. Sah wirklich echt aus. „Nauki“ hatte ziemlich schwer daran zu kauen. Ein paar Meter weiter kamen wir an einer Teertonne vorbei. Dort fehlte in der schwarzglänzenden geborstenen Oberfläche genau so ein Stück. „Nauki“ hat lange gebraucht, bis die Zähne wieder weiß glänzend waren. Etwas später fischten wir im Fahrwasser einen gelblichen Tennisball auf. Beim nächsten Umtragen kam dieser gelbe Ball per Luftpost auf mich zu mit dem Zuruf im letzten Augenblick von Dir: “Fang!“. Mit schnellem Hechten konnte ich den vermeintlichen Ball gerade noch erreichen und musste fest zupacken. Die Soße von der faulen Apfelsine, die sehr ähnlich wie der Tennisball aussah, quoll durch die Finger. Beim dritten Umtragen hatten wir Besuch von zwei Teenagern, Bachfische sagten wir damals. Du nahmst auch einen Adressenaustausch vor. Als wir an unserm Bootshaus zurückwaren, war schon eine Postkarte angekommen, adressiert an: Herrn Franz Gammel, Ratzeburg. Aber der Postbote hatte den Adressaten gefunden.
Nach dem Olympiasieg war die Zeit als aktiver Ruderer zuende. Du warst Olympiasieger, zweifacher Europameister und siebenfacher Deutscher Meister und wurdest 1958 und 1960 vom Bundespräsidenten mit dem Silbernen Lorbeerblatt, der höchsten deutschen Sportauszeichnung, geehrt. 1959 und 1960 wurdest Du mit Deinem Achter zweimal von der deutschen Sportpresse zur „Mannschaft des Jahres“ gewählt.
1960 hast Du Dein Studium schnell mit dem Ersten Staatsexamen für das Lehramt an Realschulen abgeschlossen und in dem Jahr auch noch geheiratet.
Im Dezember 1960 begannst Du als Lehrer an der Realschule in Preetz. Aber Du bliebst nur für 4 Jahre Lehrer. 1965 holte Dich die Ruderei wieder ein.
In Ratzeburg wurde am 1.April 1965 die Ruderakademie eröffnet. Der Leiter war Karl Adam, und als seinen ersten Assistenten hatte er Dich ausgesucht. Du wurdest aus dem Schuldienst beurlaubt und warst nun für 16 Jahre als Bundestrainer in Ratzeburg tätig. Ich glaube, hier bist Du ganz in Deinem Beruf aufgegangen. Gelegentlich haben wir Lehrgänge und Trainingslager zusammen betreut. Es war eine Freude mit Dir zusammenzuarbeiten. Du warst immer ein zuverlässiger Partner und immer bereit einzuspringen, wenn Du gebraucht wurdest.
Eine der schönsten Erinnerungen ist die Vortragsreise mit Karl Adam und uns beiden 1970 in den USA, mit einem Lehrgang für die US – Coaches an den Universitäten Princeton und Berkeley, wir waren ein gutes Team, das den Fragen der kritischen Trainer stand hielt und Du warst dabei immer loyal.
Als Du in den Jahren nach dem Tod Karl Adams (im Jahr 1976) mit Deiner gradlinigen, aufrichtigen Art zunehmend Widerstand im DRV kriegtest, hast Du 1981 nach 16 Jahren die Tätigkeit als Bundestrainer beendet und bist in den Schuldienst zurückgekehrt. Du kamst an die Realschule in Ratzeburg. Aber den 4 Jahren der Tätigkeit als Lehrer standen 16 Jahre Beurlaubung gegenüber. Dir fehlte die Routine, die die Kollegen in Deinem Dienstalter sonst hatten. Ich hatte das Gefühl, als wenn Du hier den Schritt, der Dir den Beruf zur Berufung macht, nicht mehr geschafft hast. Nach nur 10 Jahren bist Du 1991 mit 56 Jahren als Realschuloberlehrer in den vorzeitigen Ruhestand gegangen. Die Vorzeichen Deiner Krankheit zeigten sich.
Wir beide sind noch gelegentlich zu unsern Wurzeln zurückgekehrt, zum Rudern in unserm geliebten RRC, und haben noch einige „Gedächtnisfahrten“ nach Farchau gemacht, zunächst im (Renn-) Doppelzweier, später im breiten Gig- Doppelzweier und zum Schluss im Rollstuhl um den schönen Küchensee. Aber da warst Du schon nicht mehr der alte „Gammel“, als den Dich die Ruderwelt kannte und als den ich Dich in Erinnerung behalten möchte.
Der Ratzeburger Ruder Club verliert mit Manfred Rulffs den für mich größten Ruderer aus der Urtruppe der Ratzeburger Trainingsleute, die ihre ersten Ruderschläge auf den Ratzeburger Seen machten und unter dem Clubtrainer Karl Adam zu Meisterehren kamen. An diese Zeit wollte ich mit diesen Abschiedsworten erinnern. Ich behalte einen großartigen Ruderkameraden im Gedächtnis.

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